Rassen>Herkunft und Zuchtgeschichte

„Sagenhafte“ Herkunft

Auch wenn in der Vergangenheit viel über die Herkunft der Bergischen Kräher geschrieben – und auch spekuliert – wurde, blieben dennoch gesicherte Erkenntnisse zu ihrem Ursprung bis vor wenigen Jahren weitgehend im Dunklen.

Dabei waren es hauptsächlich zwei alte Sagen aus dem Bergischen Land, die seit Beginn der organisierten Rassegeflügelzucht die Fachliteratur dominierten. Die eine führt die Einfuhr der Rasse auf mittelalterliche Kreuzritter zurück, die andere spricht von spanischen Mönchen, die in der Wende vom 18. zum 19. Jh. Hähne mitbrachten, welche „außerordentlich lange krähten“. Auch wenn die erste Variante immer wieder durch Hinweise auf Langkräher im südosteuropäischen Raum genährt wurde, war es doch die zweite, die, trotz des Fehlens jeglicher Indizien, Eingang in den damaligen Standard fand. Konkreter wurde es, so schien es zunächst, als 1987 mit der Einfuhr der türkischen Denizli-Kräher der erste sichere Beweis für eine Langkräherrasse im europäischen Umfeld geliefert wurde. Doch bestätigten mehrfach durchgeführte Kreuzungsversuche nicht die erwartete nahe Verwandtschaft, im Gegenteil, die F1-Hähne krähten deutlich schlechter als beide Ausgangsrassen.

Aufschluss brachten in den Jahren 2000 bis 2002 am Institut für Tierzucht in Neustadt-Mariensee durchgeführte molekulargenetische Untersuchungen (Six & Weigend 2003a, 2003b), die Verwandtschaftsbeziehungen der Bergischen Kräher zu den Haubenhühnern und Sprenkelrassen erkennen ließen, beides Rassengruppen, die aus Ost- bzw. Südosteuropa stammen und ab dem 16. Jd. vornehmlich auf dem Seeweg via Konstantinopel, dem heutigen Istanbul, nach Norditalien und an die niederländische Nordseeküste importiert wurden. Und dann schließlich kam der Zug ins Rollen: 2005 gelangten mit den albanischen Berat-Krähern erstmals auch Langkräher nach Deutschland, deren Krähruf mit dem der Bergischen „kompatibel“ war und nur wenige Jahre später konnte mit den hörnerkämmigen, haubentragenden Kosovo-Krähern sogar das „missing link“ zwischen Langkrähern und Haubenhühnern gefunden werden. Aber damit nicht genug: Ein zufällig im Leipziger Naturkundemuseum entdecktes, mindestens 100 Jahre altes Präparat eines porzellanfarbigen, kronenkämmigen und beschopften Hahnes trägt die Bezeichnung „behaubter Bergischer Kräher“.

In der Summe Beweis genug, um den südosteuropäischen Raum, speziell die Balkanregion, als Heimat der Bergischen Kräher zu identifizieren. Ob nun die ersten Kräher tatsächlich mit zurückkehrenden Kreuzrittern nach Deutschland kamen, oder wie ihre Verwandten einige Jahrhunderte später mit niederländischen Seefahren, bleibt offen. Und vielleicht ist ja die Sage von den spanischen Mönchen auch nicht völlig falsch, wenn man annimmt, dass die Mönche die Tiere nicht aus ihrem Mutterland, sondern den seinerzeit spanischen südlichen Niederlanden, dem heutigen Belgien, ins Bergische Land brachten.

Sicher ist hingegen, dass sie zu Beginn des 19. Jh. dort als definierbare Rasse gezüchtet wurden, wie Bruno Dürigen, der Züchter aus diesem Zeitabschnitt noch persönlich kannte, in seinem Werk „Geflügelzucht“ zu berichten weiß.

spätes 19. Jahrhundert

Zuchtgeschichte

Erste gesicherte Belege für die Existenz Bergischer Kräher datieren auf den Beginn des 19. Jh. Im Fokus der züchterischen Bemühungen stand damals ausschließlich der verlängerte Krähruf, über den die Rasse definiert wurde. Den Anreiz hierzu boten regelmäßig veranstaltete Wettkrähen, die mit hohen Preisen dotiert waren und von den Grafen von Berg, so die Überlieferung, maßgeblich unterstützt wurden. Das äußere Erscheinungsbild der Tiere war von untergeordneter Bedeutung und diente lediglich dazu, bestimmte, besonders erfolgreiche Zuchtlinien zu charakterisieren. So gab es beispielsweise in den 1830er Jahren das nach einem Cronenberger Züchter benannte schwarz-gelbe „Jansenshuhn“.

Auf diese Weise erhielt sich, auch wenn ganz sicher eine basale Ähnlichkeit der Tiere erkennbar war, eine relativ große phänotypische Variation, speziell was Farbe und Zeichnung betrifft. Sicher ist, dass es neben den Schwarz-goldbraungedobbelten auch Schwarze gab, die, obwohl mindestens ähnlich häufig, leider nicht den Weg in den 1885 abgefassten Standard fanden. Zu den Wettkrähen erschienen sie noch bis Anfang des 20. Jd., danach verliert sich ihre Spur. Ebenso belegt sind Schwarz-silber- bzw. -cremefarbiggedobbelte, wie die Abbildung in einem alten französischen Geflügelbuch des späten 19. Jh. zeigt und wo als Färbungen des „Poulé d´Elberfeld“ bzw. „Chanteur montagne“ „doree“ (Gold), „argente“ (Silber) und „noir“ (Schwarz) genannt werden. Zweifellos bildeten sie die Basis der 1929 ausgestorbenen schwarz-weißgedobbelten Bergischen Schlotterkämme (nicht zu verwechseln mit den heutigen, seit den 1950er Jahren neu erzüchteten), denen Bruno Dürigen einen Krähruf bescheinigte, der dem der Kräher „in nichts nachsteht“ und die nach Erstellung des Standards wohl rein pragmatisch der „Sammelrasse“ Bergische Schlotterkämme zugeordnet wurden. Völlig verschwunden sind sie jedoch nicht, denn selbst heute noch fallen aus den schwarz-goldenen Krähern gelegentlich Tiere mit weißlicher bis cremefarbiger Zeichnung an. Belegt sind weiterhin Porzellanfarbige, wie das Präparat aus dem Naturkundemuseum in Leipzig eindrucksvoll verdeutlicht. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die Tatsache, dass auch die Brasilianischen Singerhühner, die als Nachfahren der Bergischen Kräher Ende des 19. Jh. im Schlepptau Deutscher Einwanderer den südamerikanischen Kontinent erreichten, vorwiegend in Porzellanfarbig vorkommen. Daneben gibt es Berichte über verschiedene weitere Zeichnungsvarianten, die aber wohl nur vereinzelt auftraten und nie eine größere Verbreitung erlangten.

Über die Variation von Körperform und Kopfpunkten wissen wir wenig, sicher ist nur, auch das beweist das Präparat aus Leipzig, dass neben Einfachkämmen auch Kronenkämme und Hauben bzw. Schöpfe vorzufinden waren.

Der bekannteste und auch erfolgreichste Züchter dieser Zeit war der Barmener Seidenfabrikant Ernst-August Wolff, der massiv die Verbreitung der Rasse vorantrieb und sie auch in den Nachbarländern populär machte. Zudem verfügte er über Handelskontakte in den Balkanraum, was gelegentlich zu der Vermutung führte, er habe seinen Bestand dort aufgefrischt. Bewiesen ist das nicht, doch gilt als sehr wahrscheinlich, dass nahezu alle heute gezüchteten Tiere mehr oder weniger auf seiner Zuchtlinie basieren. Ernst-August Wolff war es auch, der bei der ersten Deutschen Geflügelschau in Görlitz 1853, also noch vor der Standardisierung, Bergische Kräher präsentierte. Leider gibt es keinen Hinweis darauf, wie diese Tiere aussahen. Vieles spricht dafür, dass sie nach der Schau in Sachsen blieben und so den Grundstein für den späteren dortigen Zuchtschwerpunkt legten.

Die Zeichnung der Schwarz-goldenen Kräher des 19. Jh. entsprach nur teilweise dem, was heute vom Standard gefordert wird. Die Tiere waren, so berichten sowohl Robert Oettel aus auch Bruno Dürigen, überwiegend gelb und hatten eine Halbmondsäumung, vergleichbar mit der, die wir auch von den Appenzeller Spitzhauben und Brabantern kennen.

Mit Einsetzen der Ausstellungszucht und der Vereinheitlichung des Typs ging nicht nur ein Großteil dieser Varianz verloren, es änderte sich auch das primäre Zuchtziel: Nun stand das Erscheinungsbild im Vordergrund, der Krähruf wurde sekundär. Verschärft wurde dies durch den Umstand, das man seinerzeit mit Ausstellungstieren noch weitaus mehr Geld verdienen konnte als heute und zudem die hohen Preise für die Wettkrähen nicht mehr gestiftet wurden. Zwischenzeitlich fanden sogar überhaupt keine Wettkrähen mehr statt, bis diese Tradition ab 1923 wieder eingeführt wurde. Den ursprünglichen Stellenwert erreichten sie, abgesehen von einer kurzen Hochphase in den 1950er Jahren, als die Rasse vom damaligen BDRG-Präsidenten Wilhelm Ziebertz besonders gefördert wurde, jedoch nie mehr.

Die Verbreitung konnte zu keiner Zeit nennenswert über die beiden Zentren im Bergischen Land und in Sachsen erweitert werden, wobei es nach der deutschen Teilung zu einer Divergenz in der Ausrichtung der Zuchtziele kam: Während in Sachsen dem Hauptrassemerkmal größere Beachtung geschenkt wurde, präferierte man in Westdeutschland stärker den Ausstellungstyp. Erst seit Ende der 1990er Jahre findet eine zunehmende Zusammenführung beider Teilpopulationen statt.

Präparate aus dem Naturkundemuseum Leipzig, Ende des 19. Jahrhunderts